Definitionen

In meinem Beitrag Folge deinem Herzen? habe ich geschrieben, dass ich Musik – im Gegensatz zur Meinung vieler Kollegen – nicht für eine universelle Sprache halte. Um diese Position näher zu erläutern, müssen wir jedoch das tun, was die Grundlage jeder Diskussion bildet: die Begriffe definieren. Ohne Definitionen redet man unweigerlich aneinander vorbei.

Was meinen wir also genau, wenn wir von Sprache, Musik und Musiksprache sprechen?

Die Sprache

Über die Aussage, Musik sei eine Sprache, herrscht breiter Konsens und wir können diese Prämisse also akzeptieren. Wenn wir die Musik jedoch als Sprache betrachten, müssen wir im ersten Schritt definieren, was Sprache überhaupt bedeutet.

Das Wörterbuch bietet uns zwei Hauptinterpretationen des Begriffs:

  1. (historisch entstandenes und sich entwickelndes) System von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft als Verständigungsmittel dient; Sprachsystem
  2. Fähigkeit des Menschen zu sprechen; das Sprechen als Anlage, als Möglichkeit des Menschen sich auszudrücken

Hier beginnt sich der Nebel zu lichten: Sprache im Sinne der zweiten Definition – also „als Fähigkeit des Menschen“ und ohne Bezug auf eine historisch entstandene Einzelsprache – ist, das nun wirklich, universell und allen Menschen eigen. Mit anderen Worten: Jede Gemeinschaft in jeder Epoche der Geschichte hat sich einer Sprache bedient, weshalb diese als universell anzusehen ist.

In dem Moment jedoch, in dem ein Mensch spricht, nutzt er ein „historisch entstandenes System von Zeichen und Regeln“. Dies ist per Definition auf die Mitglieder derselben Sprachgemeinschaft beschränkt und folglich partikulär und nicht universell. Wenn wir also mit dieser Person kommunizieren wollen, müssen wir in der Lage sein, ihre spezifische Sprache zu beherrschen.

An diesem Punkt kommt man kaum umhin, Folgendes anzuerkennen: Die Sprache ist als Kategorie des Denkens universell, in ihrer praktischen Anwendung jedoch vielfältig und ausdifferenziert.

Halten wir diesen Gedanken fest und widmen uns nun der Definition von Musik.

Die Musik

Nach einer verbreiteten Definition ist Musik eine Kunst, „die darin besteht, strukturierte Abfolgen von Klängen zu ersinnen und zu erzeugen“.

Diese Definition stößt an offensichtliche Grenzen, wenn man ein bestimmtes zeitgenössisches Repertoire betrachtet. Dort wird das bloße Erzeugen unstrukturierter Klänge bereits als Musizieren angesehen – oder sogar das völlige Ausbleiben von Klängen, wie in dem berühmten Stück 4’33“ von John Cage.

Sehen wir uns jedoch an, ob und wie man diese Definition auf die Vorstellung von Musik in der Zeit vom 14. bis 18. Jahrhundert anwenden kann.

Um 1317 veröffentlichte Marchetto da Padova sein Werk Lucidarium in arte musice plane, eines der wichtigsten und vollständigsten Traktate des 14. Jahrhunderts. Im Tractatus primus liefert er eine sehr ausführliche Beschreibung darüber, was Musik ist und in welche Kategorien sie sich unterteilt.

Für Marchetto ist die Musik, wenn man sie als Kategorie des Denkens betrachtet „eine wunderbare und liebliche Kunst, die im Himmel und auf Erden widerhallt.“

Als solche ist sie universell und göttlich. Die Musik ist jedoch auch ein Produkt des menschlichen Schaffens und in ihrer praktischen Anwendung messbar, analysierbar und verständlich. Sie ist daher zugleich „eine Wissenschaft, die aus Zahlen, Proportionen, Konsonanzen, Intervallen, Maßen und Mengen besteht.“

Es gibt also keinerlei Widerspruch zwischen den – leider in vielen Musikdiskussionen als Gegensätze vorgestellten – Argumenten von Herz und Verstand, zwischen Bauch und Kopf, Instinkt und Rationalität und somit auch nicht zwischen Kunst und Wissenschaft.

Die Vorstellung, dass Kunst im Gegensatz zur Wissenschaft nicht analysiert, verstanden und interpretiert, sondern lediglich den Launen eines ungefilterten, ungeschulten Intuitivismus überlassen werden sollte, war den Autoren der damaligen Zeit völlig fremd. Dass die Musik als Wissenschaft verstanden wurde, spiegelte sich in der Organisation des Studiums der Artes Liberales wider: Die Musik war als „Wissenschaft der Zahlen“ Teil des Quadriviums, zusammen mit Arithmetik, Geometrie und Astronomie.

Diese Definition der Musik – gleichzeitig universell und partikulär, eine Verbindung aus Kunst und Wissenschaft – wird von verschiedenen Autoren aufgegriffen und behält ihre Gültigkeit über die folgenden Jahrhunderte hinweg.

Im Jahr 1558 beleuchtet Gioseffo Zarlino diese Dualität der Musik „im Universellen“ und „im Partikulären“. Im ersten Fall erklärt er, die Musik „sei nichts anderes als Harmonia; und wir könnten sagen, sie sei jener Streit und jene Freundschaft […], das heißt eine diskordante Konkordanz, als würde man sagen: ein Einklang verschiedener Dinge, die sich miteinander verbinden lassen.“

Betrachtet man die Musik hingegen im Partikulären, so ist sie „eine spekulative mathematische Wissenschaft, die Meisterin aller Gesänge, welche mit den Sinnen und der Vernunft die Klänge und Stimmen, die Zahlen, die Proportionen und ihre Unterschiede betrachtet.“

Auch Lorenzo Penna beschreibt 1684, wie die „Musik des Himmels ihren Ursprung in der Schöpfung der Engel hatte, welche in den ersten Morgenstunden ihres Daseins mit musikalischen Instrumenten dem Allerhöchsten Loblieder sangen.“

Dies tut er, nachdem er betont hat, wie wichtig es ist „der Blindheit des Intellekts Glanz zu verleihen, welcher im Dunkeln der Unwissenheit über unsere Musik völlig begraben liegt.“

Im Jahr 1722 greift Jean-Philippe Rameau dasselbe Konzept der Harmonie zwischen Vernunft und Sinnen auf:

„Wir können über Musik nur im Verhältnis zum Gehör urteilen; und die Vernunft hat keine andere Autorität, als wenn sie mit dem Ohr übereinstimmt; aber nichts sollte uns in unserem Urteil mehr von ihrer Vereinigung überzeugen: Wir werden von Natur aus durch das Ohr zufriedengestellt, und der Geist wird es durch die Vernunft; wir werden daher nach nichts anderem urteilen als nach ihrem gegenseitigen Zusammenwirken.“

Schließlich schreibt Joseph Haydn im Jahr 1785 an Leopold Mozart über dessen Sohn Wolfgang:

„… ich sage Ihnen vor Gott, als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Componist, den ich persönlich und dem Namen nach kenne: er hat Geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft.“

Halten wir also einen zweiten Punkt fest: Die Musik ist zugleich Kunst und Wissenschaft; sie duldet keine Trennung zwischen Herz und Verstand.

Die sogenannte Musikalität lässt sich folglich als die Fähigkeit definieren, diese tiefe Einheit von Wissen und Emotion zu erkennen und zu leben.

Die Musiksprache

Im Lichte der Definitionen von Sprache und Musik müssen wir für die betrachtete Epoche den Schluss ziehen:

  • Die Musik besteht aus Klängen, die in Mustern strukturiert sind.
  • Nicht jeder Klang ist Musik; Klänge zu erzeugen bedeutet nicht zwangsläufig, Musik zu machen (dieses Konzept werden wir in einem der nächsten Beiträge vertiefen).

Die Parallele zur gesprochenen Sprache macht uns deutlich:

  • Die Musiker nutzten Strukturen, die sie mit den Zuhörern teilten.
  • Die Zuhörer wiederum waren sich dieser Strukturen bewusst und reagierten auf sie nach Konventionen, die den Mitgliedern dieser spezifischen Gemeinschaft vertraut waren.

Wer diese Strukturen und Konventionen nicht versteht, für den ist es unmöglich, Musik zu machen. Bestenfalls wird man mehr oder weniger angenehme Töne erzeugen, wie ein „abgerichteter Vogel“, um C.Ph.E. Bach zu zitieren. Diese Töne bleiben jedoch sinnleer und unfähig, die tiefen Emotionen unserer Seele zu übermitteln.

Es gibt also eine abstrakte Idee von Musiksprache, die allen Kulturen gemeinsam ist. Diese Sprache konkretisiert sich jedoch in jeder einzelnen Gemeinschaft in einem spezifischen Musikstil, der durch bestimmte Regeln und Modelle geprägt ist. Erst dadurch wird er für die Mitglieder dieser Gemeinschaft verständlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert